Künstlerische Darstellung verarmter Opiumraucher, 19. Jahrhundert
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Queen Victoria – die Schmerzen einer Geburt und das Opium
Künstlerische Darstellung verarmter Opiumraucher, 19. Jahrhundert - Wikipedia

Queen Victoria – die Schmerzen einer Geburt und das Opium

Die Historie der sanften Geburt mit Hilfe der Anästhesie war Thema im Radio (WDR5, Zeitzeichen) und dabei fiel der Name der englischen Queen Victoria. 64 lange Jahre hatte sie bis 1901 dem britischen Empire als Königin gedient und das „viktorianische Zeitalter“ geht auf ihr Konto. Was verbindet man mit ihrem Namen?

Antikoloniale Gedächtnisübung, geschrieben 2014

Das englische Könighaus ist bis auf den heutigen Tag gut für schlüpfrige Berichte, es steht für die in Stein gemeißelte, fest gefügte Hierarchie der britischen Gesellschaft, für Elite, unermesslichen Reichtum, Glanz und Gloria. Die Mehrzahl der Berichte, aus denen sich das öffentliche Bewusstsein speist, besteht aus billigen Boulevard-Geschichten über die Selbstinszenierung des „Empire“, seiner Krönungszeremonien, öffentlichen Begräbnisse, bedeutenden Reisen und schließlich die Geburt der dynastischen Nachfahren.

Die Erfindung der sanften Geburt in Buckingham Palace

Chlorophorm für die Queen

Als Queen Victoria am 7. April 1853 ihr vorletztes von insgesamt 9 Kindern gebar, gab es eine medizinische Innovation. Der Arzt John Snow hatte zur Schmerzlinderung bei Operationen mit neuartigen Narkosemitteln experimentiert. Sein gefestigter Ruf als Arzt drang bis ins Königshaus und so durfte er bei der Geburt des späteren Leopold-George Duke of Albany der Mutter Victoria mit seinem Chloroform beistehen.

Wir wissen natürlich nicht, welchen Betrag John Snow auf seine Rechnung schrieb. Man kann davon ausgehen, daß sein Honorar ihn weder bedürftig zurückließ, noch dass es das Vermögen der Queen allzusehr beeinträchtigte. So war denn beiden geholfen und das Königshaus schrieb sich in den medizinischen Fortschritt ein.

Der Queen schien die aus ihrer Sicht sanfte Geburt gefallen zu haben, denn der Arzt wurde vier Jahre später 1857 noch einmal bestellt und das letzte Kind Beatrice kam zur Welt. Das prominente Beispiel machte Schlagzeilen und die Narkose-unterstützte Entbindung war geboren.

Die unsanfte Geburt der Dritten Welt

Opium für’s Volk

Ein paar tausend Kilometer östlich machte sich die britische Kolonialmacht zeitgleich ebenfalls innovative Gedanken zu narkotisierenden Stoffen. Dabei ging es aber weder um den Fortschritt der Medizin noch darum, Schmerzen zu lindern. Im Gegenteil. Es ging um den Rückschritt in die Barbarei und um die exakt kalkulierte Erzeugung von Schmerzen: Die planmäßige Degradierung der chinesischen Gesellschaft und Kultur. Das Echo des dadurch ausgelösten Aufschreis hallt heute noch durch Asien – die gar nicht sanfte Geburt der Dritten Welt.

Seit langem hatte die britische Ostindische Kompanie mit China Handel betrieben. Ihren kritischen Mangel an Barmitteln zum Erwerb von Tee, Seide und Porzellan behob die Kompanie durch den tonnenweisen Export von in Indien hergestelltem Opium nach China. Die verheerenden Auswirkungen dieses imperialen Drogenkartells auf die sich dagegen wehrende chinesische Gesellschaft führte zum ersten Opiumkrieg, der 1842 mit dem Sieg der Briten und den ungleichen Verträgen von Nanking endete. „Die grundlegende Motivation hinter der britischen Kriegsentscheidung war die weitere Absicherung des informellen Opiumhandels, der für den Ausgleich des britischen Handelsdefizits mit China notwendig war. Ein Zusammenbruch des Dreieckshandels zwischen Großbritannien, Indien und China hätte die Stabilität der britischen Staatseinnahmen gefährdet.“ (Wikipedia zum ersten Opiumkrieg).

China musste nicht nur die weitere Narkotisierung und regelrechte Verseuchung seiner Gesellschaft dulden, sondern auch Märkte öffnen und Reparationen bezahlen. Die Verluste der Briten betrugen 69 Tote, auf Seiten der Chinesen starben 20.000 Soldaten.

Exakt parallel zur letzten Niederkunft von Queen Victoria  fand in Ostasien das Gemetzel des zweiten Opiumkrieges statt (1856–60), den die Briten mit Hilfe ausgefeilter Finessen diplomatischer Gepflogenheiten einläuteten. Peking wurde in der Folge eingenommen, Chinesen massakriert, der Sommerpalast zerstört, Kunstschätze geplündert und als besondere Beutestücke wurden 5 Pekinesen nach Europa verfrachtet. Sie sind die Stammeltern aller heutigen Hündchen dieser Rasse. (Wikipedia zum zweiten Opiumkrieg – sehr gute Beiträge dort zu diesem Thema)

Dass diese Zusammenhänge im öffentlichen Bewusstsein des „Westens“ keine besondere Rolle spielen, ist der narkotisierenden Wirkung einer Herrschafts-Geschichtsschreibung zuzuschreiben. Die Kolonialmächte werden immer noch als Heilsbringer verharmlost. In China hingegen stehen Denkmäler für Li Zenxu, den Befehlshaber während des ersten Opiumkrieges (siehe auch Galerie – Alle Bilder von Wikipedia/Opiumkrieg).

Nachtrag im Januar 2016: Queen Elizabeth hat es geschafft! Sie ist seit 2016 länger dran als Queen Victoria!
Wir bekommen nach dem Zeitalter der Victoria ein „elisabethanisches“ Zeitalter serviert, als dessen glorreicher Höhepunkt die Entfesselung der Finanzmärkte in der City of London beschrieben wird. Wenn sie stirbt, empfehle ich die Nachrufe des Windsor-Hofberichterstatters Rolf Seelmann-Eggebert im TV anzuschauen.

Nachtrag Februar 2019: Die Queen ist immer noch dran. Jetzt kommt der BREXIT. Das könnte ein noch markanterer Einschnitt in die Geschichte des „British Empire“ werden als die Entfesselung der Finanzmärkte unter Maggie Thatcher.

Nachtrag Februar 2021: Der BREXIT ist durch, LKW-Schlangen vor dem Euro-Tunnel und jetzt ist auch noch Corona …

Literatur

Siehe auch die Links im Artikel zu Wikipedia

Pankaj Mishra: Aus den Ruinen des Empires –
die Revolte gegen den Westen und der Wiederaufstieg Asiens
2013, S. Fischer Verlag, Frankfurt a.M.

Das Buch erhielt den Preis der Leipziger Buchmesse – Ilija Trojanow hielt die Laudatio.
Orhan Pamuk zu diesem Buch:
„Brilliant. Mishra spiegelt den westlichen Blick auf Asien zurück. Moderne Geschichte, wie sie die Mehrheit der Weltbevölkerung erfahren hat – von der Türkei bis China.“

Mike Davis: Die Geburt der Dritten Welt –
Hungerkatastrophen und Massenvernichtung im imperialistischen Zeitalter
2004, AssoziationA, Berlin

Ende des 19. Jahrhunderts zerstörten Dürren ungeheuren Ausmaßes wiederholt die Ernährungsgrundlagen in den Teilen der Erde, die heute „Dritte Welt“ genannt werden. Zwischen 1876 und 1879 sowie zwischen 1896 und 1900 starben in den im Allgemeinen als klimabedingt definierten Hungerskatastrophen und nachfolgenden Epidemien in Äthiopien, Indien, China und Brasilien zwischen 30 und 60 Millionen Menschen. Als unmittelbarer Auslöser dieser wenig beachteten, aber ungeheuerlichen Massenvernichtung wurden in der Wissenschaft bisher Wetterphänomene wie El Niño verantwortlich gemacht. Doch die Natur allein ist selten so tödlich.

Mike Davis legt in seiner faszinierenden und einzigartigen „Politischen Ökologie“ des Hungers die Hintergründe zwischen Weltklima und Weltökonomie im imperialistischen Zeitalter frei, die zur „Geburt der Dritten Welt“ führten und bis heute nachwirken. „Wir haben es mit anderen Worten nicht mit ,Hungerländern‘ zu tun, die im Brackwasser der Weltgeschichte ins Abseits gerieten, sondern es geht um das Los der Menschheit in den Tropen, das sich just zu einem Zeitpunkt (1870–1914) änderte, als deren Arbeitskraft und Produkte zwangsweise in die Dynamik der von London gesteuerten Weltwirtschaft integriert wurden. Millionen starben nicht außerhalb des ,modernen Weltsystems‘, sondern im Zuge des Prozesses, der sie zwang, sich den ökonomischen und politischen Strukturen anzupassen. Sie starben im goldenen Zeitalter des liberalen Kapitalismus; viele wurden, wie wir sehen werden, aufgrund der dogmatischen Auslegung der orthodoxen Prinzipien von Smith, Bentham und Mill regelrecht ermordet.

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