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Dramatischer Anstieg globaler Pestizidvergiftungen

Dramatischer Anstieg globaler Pestizidvergiftungen

Eine neue wissenschaftliche Studie zeigt, dass weltweit die Fälle von Pestizidvergiftungen von 25 Millionen im Jahr 1990 auf heute 385 Millionen gestiegen sind - Pestizide werden auch im Kaffeeanbau eingesetzt.

PAN Germany Presseinformation, Hamburg, 9. Dezember 2020:

In einer neuen umfassenden Studie belegen Wissenschaftler*innen, dass unbeabsichtigte Pestizidvergiftungen seit der letzten globalen Bewertung vor 30 Jahren weltweit dramatisch zugenommen haben. Nach Auswertung verfügbarer Vergiftungsdaten aus Ländern auf der ganzen Welt kommen die Forscher*innen zu dem Schluss, dass es jedes Jahr rund 385 Millionen Fälle akuter Pestizid-Vergiftungen gibt, gegenüber geschätzten 25 Millionen Fällen im Jahr 1990. Umgerechnet bedeutet dies, dass etwa 44 Prozent der in der Landwirtschaft tätigen Weltbevölkerung – 860 Millionen Landwirt*innen und Landarbeiter*innen – jedes Jahr mindestens eine Vergiftung erleiden.

385 Millionen Landwirt*innen und Landarbeiter*innen erleiden jedes Jahr mindestens eine Vergiftung

„Die aktuellen Zahlen verdeutlichen, wie sehr das Leid von Millionen von Menschen über Jahrzehnte massiv unterschätzt wurde, sagt Susan Haffmans, Referentin beim Pestizid Aktions-Netzwerk (PAN Germany).

„Die tagtäglichen Vergiftungen führen dauerhaft auch zu chronischen Erkrankungen, wie Krebs, zu neurologischen Schädigungen und zu Fruchtbarkeitsstörungen. Wir müssen endlich ein schrittweises Verbot der schlimmsten Pestizide, der sogenannten hochgefährlichen Pestizide (HHPs) durchsetzen, um die Gesundheit und das Leben derjenigen zu schützen, die tagtäglich unsere Nahrung produzieren.“ Sie ist die erste globale Schätzung dieser Art seit einer Auswertung der Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Jahr 1990.
Weiterlesen in der PAN Germany Presseinformation vom 9.12.2020

Kolumbien will das Pestizid Glyphosat aus Flugzeugen versprühen

15.2.2021 – Das Business & Human Rights Ressource Center meldet, dass Kolumbien ab April 2021 erneut das gefährliche Versprühen von Glyphosat aus Flugzeugen starten will, um Koka-Pflanzen für die Rauschgiftproduktion abzutöten. Zuletzt geschah das 2015, wurde nach jahrelangen Protesten aber eingestellt. Aktivisten und Farmer hatten Gesundheitsschäden beklagt, und in jenem Jahr hatte die WHO Glyphosat als „wahrscheinlich krebserzeugend“ eingestuft. Zahllose andere Feldfrüchte wurden dabei vernichtet, Farmer in die Armut getrieben, was letztlich auch die Migrationsbewegung anfeuerte. Die USA assistieren Kolumbien bei dem Programm und dementieren die Gesundheitsgefahren. Dabei berufen sich die USA auf Gutachten, die von Monsanto/Bayer selbst stammen. (Zusammenfassende Übersetzung Alex Kunkel)
Zum Artikel bei Latin-America-Reports (englisch)

Animations-Video zu Kaffee und Klimawandel / 2 min. (Neuer Tab)

Die massenhafte Migration aus Mittel- und Südamerika Richtung USA geschieht auch aufgrund zunehmender Schäden im Kaffeeanbau durch den Klimawandel. Das animierte Video zeigt die grundsätzliche Problematik:

Alex Kunkel – Hinweis: Kaffee und Pestizide in Brasilien

Brasilien ist nach China und USA das Land mit dem weltweit drittgrößten Pestizideinsatz und mit ca. 30% die Nr. 1 bei der Kaffee-Welternte. Die Pestizide werden dort u.a. auf den großflächigen Plantagen im Kaffeeanbau eingesetzt. Die Ernte erfolgt industrialisiert mit Erntemaschinen. Deutschland ist einer der größten Abnehmer und Verarbeiter brasilianischen Kaffees – und einer der Haupt-Lieferanten von Pestiziden nach Brasilien. Zum Teil werden in Europa oder Deutschland bereits verbotene Pestizide dorthin geliefert.

Besonders in Brasilien hat der Pestizideinsatz von 2000 bis 2018 stark zugenommen. Der größte Verbraucher ist allerdings China.

Besonders in Brasilien hat der Pestizideinsatz von 2000 bis 2018 stark zugenommen. Der größte Verbraucher ist allerdings China.

Im I.C.O. (Internationale Kaffeeorganisation)-Newsletter 2017-07 wird beklagt, dass das Pestizid ENDOSULFAN leider verboten wurde (Übersetzung a.d. Englischen A.K.):

[…] Berichte legen nahe, dass die Farmer in Brasiliens Arabica-Regionen des Erntejahres 2016/17, das gerade eingebracht wird, mit unerwartet niedrigen Erträgen zu rechnen haben.
Die Bohnen sind kleiner als normal wegen schlechter Wetterverhältnisse zu Beginn des Jahres. Das wird begleitet von beträchtlichen Schäden durch den Befall mit dem Kaffeekirschbohrer. Das Verbot des zwar schädlichen, aber sehr effektiven Insektizides Endosulfan, das die Farmer früher benutzt haben, hat zur Ausbreitung dieser Kaffeepest beigetragen.
In den Hauptanbaugebieten sind davon bis zu 30% der Kirschen betroffen, was die Qualität beeinträchtigt. Zuletzt hat neben diesen Faktoren der schwache Dollarkurs die Exportbedingingen des brasilianischen Kaffees auf dem Weltmarkt beeinträchtigt. […]

Mercosur-EU-Pakt: Forscherin zu Freihandel: „Es gibt einen Vergiftungskreislauf“
Im Zuge des Freihandelsabkommens der EU mit den Mercosur-Staaten warnt Larissa Mies Bombardi vor dem sorglosen Umgang Brasiliens mit Pestiziden – INTERVIEW: Sandra Weiss – Vollständiger Artikel in DER STANDARD (Wien)

Picked by slaves: coffee crisis brews in Brazil – 12 December 2019
Ausführlicher Artikel zu Sklavenarbeit auf brasilianischen Kaffeeplantagen von der Thomson Reuters Foundation (englisch)

Mehr zu Pestiziden im brasilianischen Kaffeeanbau:

NDR-Panorama-Video „Bittere Ernte“ zu Pestiziden im brasilianischen Kaffee-Anbau (2013)
Studie von DANWATCH: „Bitter Coffee“ Pestizide und Sklavenarbeit auf brasilianischen Kaffeeplantagen (2016 – englisch)
Dramatischer Anstieg globaler Pestizidvergiftungen
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