RÖSTER  Reisereportage zu den Kaffee-Farmer:innen am Mount Elgon

RÖSTER Reisereportage zu den Kaffee-Farmer:innen am Mount Elgon

Der Bericht umfasst zwei Besuche in Uganda: Mai 2013 und November 2013.

Die Kooperative, von der hier berichtet wird, geriet 2016 in wirtschaftliche Schwierigkeiten. Die Geschäftsführer scheinen sich bei einigen größeren Investitionen in moderne Waschanlagen übernommen zu haben. Auch so etwas kann passieren. Die Kooperative ist nicht mehr im FairenHandel integriert. 2013 war sie noch Lieferant der GEPA für deren „Mount-Elgon Bio-Crema“.

 

Endlich war es soweit.

Mitte Mai 2013 sitze ich hinten auf dem kleinen Motorradflitzer, den sie hier in Uganda Boda-Boda nennen und ließ mich morgens von Oskar aus dem SALEM-Dorf in die Kleinstadt Mbale fahren. Damals war die Straße noch voller Schlaglöcher und man benötigte über eine halbe Stunde für die zehn Kilometer. Seit 2017 wurde sie dann von der „China-Communication-Construction-Company“ komfortabel ausgebaut. Am zentralen Platz mit dem „Clocktower“ geht es dann links ab Richtung Pallisa und weiter in’s Industriegebiet, die Industrial Area.

Von diesem chinesischen Infrakstruktur-Konzern werden in Uganda viele Straßen gebaut.

Von diesem chinesischen Infrastruktur-Konzern werden in Uganda viele Straßen gebaut.

Überall geschäftiges Treiben, Getreidesäcke abladen, gemahlenes Getreide aufladen. Die „workers“, die aus den Fabrikhallen kommen, sehen aus wie Gespenster. Über und über mit Mehl bestäubt, darunter ihre schwarze Haut, die Augenhöhlen vom Mehl mühsam freigehalten.

Wir sind da: Plot 8-12 Mwanyi Road, Gumutindo Coffee Cooperative Ltd. Vor kurzem hatte ich Geburtstag und ich konnte mir kein schöneres Geschenk vorstellen als jetzt mit dem Geschäftsführer Willington Wamayeye verabredet zu sein.

Hier bin ich später einfach raus- und reinspaziert. Das Wachpersonal mit Besucherbuch.

Neben dem großen Tor für die LKW mit den 20 Fuß-Containern, in die 360 Säcke Rohkaffee passen, ist eine schmale Tür, hinter der mich das Wachpersonal begrüßt und nach dem Grund für den Besuch fragt. Kurz entschlossen trage ich hinter meinem Namen „Coffee Research“ in das Besucherbuch ein, notiere die Uhrzeit und frage, ob Mr. Wamayeye schon da ist. Nein, leider nicht. War mir irgendwie recht, weil ich mich jetzt noch ein bisschen umschauen und meine Nervosität abbauen konnte.

Endlich, endlich war ich an dem Ort, den sich ein Kaffee-Begeisterter und geichzeitig überzeugter Anhänger des Fairen Handels nur wünschen konnte. Eine Kaffeefabrik, zertifiziert für Fairtrade und organischem Anbau. Hier wird bester „Bugisu AAA“ aus den Sorten Nyasaland, SL 14 und SL 28 produziert.

Beim ersten Blick auf den Fabrikhof sehe ich Dutzende Frauen, die in der prallen Sonne Kaffee sortieren. Bohne für Bohne. Man kennt diese Bilder vom Fernsehen: Pflücken, Sortieren, in den Sack und weg. So scheint Kaffee produziert zu werden. Es ist ein wenig komplizierter.

Ich bekomme einen Stuhl im Office und mache mir Notizen, während ich warte. Um mich herum sitzen alle an ihren PCs und haben Tabellen vor sich. Zwei Frauen besprechen, was die eine von ihrem Smartphone abliest, die andere gibt die entsprechenden Werte in die Tabellen am Monitor ein. Ich darf mir einen Kaffee aus einer Thermoskanne nehmen. In dem kleinen, einfachen Bürobau steht keine Espressomaschine. Mir kommt der inszenierte Kaffee-Hype in Deutschland in den Sinn: George Clooney macht sexualisierte Werbung für den Global Player Nestlé und empfiehlt die abfallintensiven Alu-Kapseln als Gipfel neuster Technik und des Gourmet-Lifestyles. Man hat sich gegen Nachahmer mit 13.000 Patenten abgesichert und führt Dutzende Prozesse.

Die Firma Melitta warb damals mit dem „Bella-Crema-Geheimnis“ für ihren Kaffee und verschwieg, dass er unter dem Einsatz von Tonnen von Pestiziden in Brasilien produziert wird – maschinell geerntet. Ein NDR-Fernsehteam bekommt vor der Konzernzentrale keine Auskunft – sie werden gar nicht erst hereingelassen.

Der Tchibo-Einkäufer wird in einer WDR-Reportage überführt, dass er die ausbeuterische Kinderarbeit auf den Plantagen in Guatemala geflissentlich übersieht.

Bis zum Erbrechen wird der Barista als der eigentliche „King of Coffee“ inszeniert. Angeblich schonend geröstete Bohnen werden von ihm in Werbespots und Artikeln zubereitet und zu kunstvollen Kreationen mit Milchschaum verziert. Die Kaffeefarmer sind als lächelnde Exoten kurze Einblendungen wert. Handgepflückt und sonnengereift. Aus bester Lage. Sorgfältig ausgewählte Raritäten.

Ich hole mein „Empfehlungsschreiben“ vom Kaffeechef der GEPA heraus. Hans Wozniak ist mit Willington befreundet und gab mir ein paar Zeilen als Türöffner für seinen langjährigen Geschäftspartner mit. Die GEPA ist das größte Fairhandels-Haus in Europa und macht an die 70 Millionen Euro Umsatz, knapp die Hälfte davon mit Kaffee. Hinter dem Papier in meiner Hand verbergen sich also Tausende Käufer in Deutschland, die 30 Millionen Euro für den GEPA-Kaffee ausgeben. Ich habe ein gutes Gefühl. Wann kommt er endlich?

Plötzlich werde ich zu Willigton in sein kleines Büro gerufen.

Von seiner Erkrankung hatte ich schon gehört. Er bewegt sich mühsam und spricht sehr leise – seine Diabetes macht ihm zu schaffen. Ich stelle mich als FairTrade-Aktivist vor und erzähle von meinen Kaffeeworkshops. Dass wir echte Kaffeebäume haben im Kaffeegarten in der Essener GRUGA und echte rote Kirschen ernten. Dass ich sie anschließend einfriere, um über’s Jahr immer welche als Anschauungsmaterial zu haben.

Er kann sich nicht mehr halten vor Lachen. „Kaffeekirschen einfrieren?!“ – er wird mich später seinen Kollegen im Büro als den Mann aus Deutschland vorstellen, der Kaffeekirschen einfriert. Großes Gelächter.

Ich habe mich warmgeredet. Erzähle von meiner Sicht auf das bedeutende Welthandelsgut Kaffee, das seit Jahrhunderten das Schicksal von Millionen Menschen und ganzer Länder bestimmt. Und von meiner Wut auf den oberflächlichen Kaffee-Hype, als ob die Röster und der Barista die eigentlichen „Kings of Coffee“ wären. „Ich bin hier, um die echten Kings kennen zu lernen, die durch ihre immense Arbeit die Grundlage für alles legen, was danach kommt. Kein Aroma kann beim Rösten herausgekitzelt werden, das nicht durch Aufzucht, Anbau und Verarbeitung des Kaffes hier von euch der Bohne mitgegeben wird. Und dann habt ihr noch die Probleme mit dem Klimawandel. Es wird zu warm, es fällt zu viel Regen zur falschen Zeit, die Qualität ist nicht zu halten, Schädlingsbefall …“.

Willington Wamayeye und Alex Kunkel im Büro von Gumutindo 2013

Willington Wamayeye und Alex Kunkel im Büro von Gumutindo 2013

„Okay“ sagt er und unterbricht mich. „Du kommst morgen früh wieder hier in die Fabrik. Du hast dann für zwei Tage ein Auto und einen Experten als Fahrer, der dir alles zeigt, was du sehen willst.“

Ich war völlig perplex von diesem Angebot und seiner schnellen Entscheidung. Er rief den ausersehenen Guide Collins herein, machte uns bekannt und ich nannte ihm zwei Orte am Berg, die ich gerne besuchen würde. Buginyanya, sehr hoch gelegen auf 2.000 Meter, und Peace Kawomera auf 1.300 Meter.

Es konnte losgehen. Was würde mich erwarten? Schnell noch die Akkus für die Kamera laden, hoffentlich ist heute Nacht, wie so häufig, kein Stromausfall.

Morgen früh geht’s zu den Kings of Coffee! Leider ist im Mai keine Erntezeit für den Kaffee. Aber das werde ich bereits im November nachholen.

Rauf auf den Berg

Collins Assiandu, mein Guide, Fahrer und Experte im Mai 2013

Am nächsten Morgen sitze ich mit Collins Assiandu im stabilen Geländewagen mit Vierrad-Antrieb. Trotzdem werden wir oben an einer steilen Stelle aussteigen und 6 Leute werden schieben müssen, um weiterzukommen.

Man fährt etliche Kilometer am Fuß des Massivs entlang nach Norden und hat den herrlichen Blick auf das Vorgebirge.

Der erloschene Vulkan Mount Elgon hat derartige Ausmaße, dass man die weiter innen liegenden höchsten Gipfel (4.300m) nur sehr selten zu sehen bekommt. Vierzig Kilometer breit und achtzig Kilometer lang, direkt geteilt durch die Grenze zu Kenia. Der halbe Berg gehört zum Nachbarland. Vulkanböden sind bevorzugte Kaffee-Gebiete. In beiden Ländern wird intensiv die Hochlandsorte Arabica angebaut.

Der Bergrücken vor uns ist nur 1400m hoch. Wir wollen bis auf 2000m hoch.

Wir haben das Tradingcenter Simu-Corner passiert und fahren direkt auf den Berg zu. Der Bergrücken vor uns ist nur 1.400m hoch. Wir wollen bis auf 2.000m.

 

 

 

An der „Simu-Corner“ – einer dieser kleinen Flecken, die hier immer „Trading-Center“ heißen, weil es ein paar Geschäfte gibt – biegen wir Richtung Berg ab. Es wird immer grüner, die Felder dichter und vielfältiger. Es springt in’s Auge, dass die Leute am Berg neben Kaffee eine produktive Subsistenzwirtschaft betreiben können. Überall Matoke-Bäume (Kochbanane), Kohlfelder, Kassava – ein Würzelgemüse. Langsam haben wir Höhe gewonnen und der Blick auf die flache Ebene Mittel-Ugandas wird möglich. Die ist immerhin schon tausend Meter hoch. Da unten wird die Kaffeesorte Robusta angebaut, die stellt 80% der Kaffeeexporte Ugandas.

Immer steiler wird die Straße, die Serpentinen beginnen und man ahnt, wie der Bau der Straße dem Fels abgerungen wurde. Kurz vor dem Ort Kamu (1.400m) erreicht man eine flachere Terrasse – so ist der Berg strukturiert.

Mittwochs ist dort immer Markt und wir fahren durch einen unglaublich lebhaften „African Market Place“. Die ganze Zeit über kamen uns schon Laster entgegen – voll mit grüner Matoke, der Essbanane. Sie ist Grundnahrungsmittel, wird mit dem Messer geschält und ergibt gekocht eine Art steifen Kartoffelbrei. Die LKWs sind zusätzlich immer beladen mit Menschen obenauf. Manchmal 10, 15 oder 20, die den Transport als günstige Gelegenheit nutzen, in’s Tal zu kommen. Selbst aus dem 250 km entfernten Kampala kaufen Händler wegen der guten Qualität hier ein. Alles öko, was von hier kommt!

Im Schritttempo sucht sich Collins den Weg durch’s Gewühl und die parkenden Laster. Kaum haben wir den Ort verlassen, hält er an, um mir die Stelle eines verheerenden Bergrutsches zu zeigen. Es geschah zwei Jahre zuvor, und man kann über uns die Stelle des Abgangs noch deutlich sehen. Mehrere Dutzend Menschen kamen zu Tode. Hütten, Felder, Vorräte – alles begraben. Ein typischer Fall mittlerweile, weil der Klimawandel im Herbst heftigeren Starkregen bringt, der länger andauert und die durch Entwaldung angreifbaren Hänge aufweicht. Ein Teufelskreis: In der Ebene sind Überschwemmungen und Schädlinge für die Landwirtschaft schon deutlich ausgeprägter durch die Erwärmung: 50 Prozent der Robusta-Bäume wurden in den letzten Jahren Opfer einer Kaffeekrankheit („Coffee-Wilt-Desease“). In der Folge kommen mehr Leute auf den Berg, bauen sich Hütten, brauchen Feuerholz. Das befördert die Bergrutsche.

Ab einer bestimmten Höhenlage spielt Malaria keine Rolle mehr, da die Anopheles-Mücke hier nicht vorkommt. Auch das ist ein Grund, sich am Berg anzusiedeln. 2012 gehörte Uganda zu den 20 Ländern mit den meisten Malariaerkrankungen weltweit. 25.000 Fälle pro 100.000 Einwohner. Viele geschwächte Kinder sterben, bis zu 320 Malaria-Tote pro Tag. Am Berg ist das kaum ein Problem.

Nach gut 20 Minuten sind wir in Buginyanya angekommen. Eine Gruppe Kaffeefarmer erwartet uns. Darunter Daniel Namudoto, ein anerkannter „Chief“, der, 1935 geboren,  in seinem hohen Alter höchste Anerkennung genießt. Er hat GUMUTINDO (das heißt wörtlich: „Gute Qualität“) mit gegründet und seine Tochter Oliva ist hier oben Vorsitzende der „Primary Society“ Buginyanya und gleichzeitig gewähltes Mitglied im „Board“ (Vorstand)  der Gesamtgenossenschaft mit 10.500 Mitgliedern (Stand 2016). Ein Hinweis auf die gewaltige Rolle, die die Frauen im Rahmen der Genossenschaft inzwischen spielen. Umso erstaunlicher, weil es traditionell den Frauen verboten war, Kaffeepflanzen und Land überhaupt zu besitzen und damit zu handeln.

Video-Interview mit Oliva Kishero (Neuer Tab).
Am Ende der Tour mit Collins werde ich Oliva Kishero sprechen und sie sagt mir in’s Mikrophon, dass Frauen ihren Kaffee nur unter dem Namen ihres bisweilen verstorbenen Mannes verkaufen konnten. Eine Praxis, mit der die Fairtrade-Kooperative gründlich aufgeräumt hat: Die Männer haben zum großen Teil die Hälfte ihres Landes den Frauen überschrieben und der „Frauen-Kaffee“, wie er genannt wird, ist von höchster Qualität. Und das „weil sie Mütter sind“, wie mir Oliva unumwunden versichert. Der Frauen-Kaffee wird in England mit dem Label „Womens Coffee“ als Fairtrade-Marke erfolgreich angeboten.

Der Rundgang durch den Ort zeigt die Siedlungsweise: Die kleinen Gehöfte mit ca. 2 Hektar Land und durchschnittlich 200 Kaffeebäumen liegen verstreut inmitten der Felder. Etwas, das man Ortskern nennen könnte, fehlt. Nur ein kleines Trading-Center gibt es an der Hauptstraße.

In steilen Lagen ist der Platz für die Häuser dem Berg durch eine Terrasse abgetrotzt. Gerade noch Platz davor, um den Kaffee zu trocknen. Hier oben arbeiten Ökospezialisten der Kooperative, die den Farmern zeigen, wie sie mit Hilfe einheimischer Pflanzen Pestizide herstellen. Chili wird verwendet, der Tephrosia-Baum, Kuhdung und allerlei Zubereitungen, die, zum Teil mit Asche versetzt, eine Woche lang gären müssen, damit sie ihre Wirkung entfalten können. Auch die Blätter der Tithonia-Pflanze werden eingesetzt. Sie helfen auch den Menschen gegen Malaria. Erfolgreich behandelte Bäume, die vom „Coffee-Stem-Borer“ (Kaffeestammbohrer)  befreit wurden, werden mir gezeigt. Sie sind wieder gut in Schuss.

Bohnen wachsen zwischen den Kaffeebäumen und liefern Stickstoff, die Matoke-Bäume geben Schatten und Nahrung. Es gibt Mais, Cassava und Maniok (Wurzelgemüse), Kohl, Passion-Fruit, Mango. „Wir haben von Anfang an auf organischen Anbau gesetzt“, sagt Daniel. Was für den angrenzenden Nationalpark auch nicht von Nachteil sein dürfte.

Wir wollen in den Park – gar nicht so einfach

Wir fahren weiter Richtung Nationalpark. Der Mount Elgon ist UNESCO-Biosphärenreservat, dessen Gebiet knapp über 2.000m Höhe beginnt, direkt oberhalb  des Arabica-Anbaus. Weltweit stehen die Kaffee-Farmer wegen des Klimawandels unter dem Druck, in höhere Lagen auszuweichen. Die globale Erwärmung steigt von unten die Berge hoch. Schlecht für die Qualität des Arabica und mit Aussicht auf mehr Schädlingsbefall und Kaffeekrankheiten. Diesen Zusammenhang erläuterte am 1. Oktober 2015 der renommierte Klimawissenschaftler Jeffrey Sachs aus New York vor dem „World-Coffee-Council“ in Mailand und belegte es mit mannigfachen Beispielen aus dem gesamten Kaffeegürtel, der sich jeweils 25 Grad nördlich und südlich des Äquators erstreckt. Die Kaffeewirtschaft ist mittlerweile aufgeschreckt vom Klimawandel und den zum Teil verheerenden Aussichten für die Zukunft. In Brasilien (30% der Welternte) wird eine erhebliche Reduktion der möglichen Anbaufläche befürchtet – auf 40 Prozent der bisherigen Fläche.

Wir stehen am Eingang dieses für den Tourismus in Uganda als zentral angesehenen Parks, der keinen Spielraum nach oben für den Kaffeeanbau lässt. Die Bagisu, die jetzigen Kaffeefarmer in Buginyanya, lebten früher „in the forest“ – wie mir Daniel sagt, „das war unser Land“. Er wurde 1935 dort geboren, zwei Jahre bevor die Engländer 1937 dann die Parkgrenzen errichteten und die Leute vertrieben. Am gesamten Berg herrscht eine Art Kleinkrieg um den genauen Grenzverlauf. Der Anthropologe Connor Cavanagh, der lange Zeit hier Feldforschung betrieb, nennt es „Guerilla-Agriculture“. Ganze Gebiete wurden den inzwischen sesshaft Gewordenen wieder entrissen durch eine Neuvermessung der Grenzen. Eine holländische Firma betrieb etwas weiter nördlich Aufforstung im Rahmen des Carbon-Zertifikate-Handels, der es industriellen europäischen Klimasündern erlaubt, ihren Ausstoß beizubehalten, wenn sie als Ersatz dafür eine „Carbonsenke“ am Mount Elgon durch Aufforstung errichten lassen.

Links der Grenzstein des Nationalparks. Rechts beginnt er, aber da hat der Farmer sein Feld. Die Baumstümpfe sind noch zu sehen. Er ist sichtbar stolz, den Kleinkrieg zunächst gewonnen zu haben.

Einer der Farmer positioniert sich für ein Foto direkt neben einem der großen Grenzsteine. Deutlich erkennt man sein Kohlfeld als zum Park gehörig. Die Stümpfe der gefällten Bäume sind noch zu sehen. Er hat an dieser Stelle den Kleinkrieg gewonnen. Sein Kohl wächst unangefochten. Ich frage Collins, was geschähe, falls den Farmern die kleinen Parzellen wieder genommen würden. „Dann gibt es Tote“, sagt er. „Die Ranger, die den Park bewachen hier oben, sind den Farmern wegen fehlender Ortskenntnisse und bei Dunkelheit hoffnungslos unterlegen.“

Zwei Kinder kommen neben der Schranke aus dem Park mit Holzstapeln auf dem Kopf. Es gibt gewisse Konzessionen der Parkverwaltung zur Nutzung durch die Einheimischen: Zweimal die Woche darf auf dem Boden liegendes Holz gesammelt werden. Das war nicht immer so. Nach und nach gibt es Zugeständnisse.

Der einzige Ranger hier oben, der den Park bewachen soll, wurde vor einer Woche von Farmern mit Macheten malträtiert. Er wirkt völlig eingeschüchtert. Wir sind eine ganze Gruppe, dazu noch ein Weißer mit Kamera dabei. Was soll er tun? Die Farmer aus meiner Gruppe, die gleichzeitig auch „Bee-Keeper“ sind (Imker), haben einige ihrer Bienenstöcke am Rand innerhalb des Parks in den Bäumen platziert. Das wird geduldet. Die Wildbienen besiedeln nur Stöcke, die mindestens fünf Meter hoch hängen. Später dann können sie niedriger gesetzt werden, wenn sich die Bienen an den Ort gewöhnt haben.

Die Imkerei ist wichtig für die Bestäubung des Kaffees, erhöht die Produktivität der Bäume und gleichzeitig liefert sie Honig, den man selbst nutzen oder verkaufen kann.

Nach einer geschlagenen Viertelstunde haben unsere Leute den Ranger endlich bequatscht. Ich hab kein Wort verstanden, weil alles in lokalen Sprachen ablief.  Nach mehrmaligem Abzählen werden wir reingelassen. Ob er den Besuch wohl in seinem Buch dokumentiert?

Wir inspizieren die Bienenstöcke und steigen dann steil hoch zu einem Aussichtspunkt, der mir den Blick über das Gelände erlauben soll. Collins, der, so scheint es, so wie ich zum ersten Mal hier den Park betritt, macht sich Sorgen, denkt an die Auseinandersetzungen und bemerkt: „Ey, das ist riskant, sehr riskant!“

Guerilla-Agriculture an der Grenze zum Nationalpark

Wir sehen weit bis zum gegenüberliegenden Talhang, wo die Grenze zwischen den Feldern und dem Nationalpark wie mit einem Lineal gezogen erscheint.

„Da hinten“, sagt Samuel, „dort gibt es Bambus“ und zeigt ins Innere des Parks. Die Bambusspitzen sind eine traditionelle Leckerei am Berg, aber hauptsächlich im Park zu ergattern. Drei Kilometer sind es bis dort – das kann nur illegal geschehen. Von Maria aus dem Qualitätsmanagement der Kaffeefabrik hatte ich den dringlichen Auftrag mitbekommen, solche Bamboo-Shots vom Berg mitzubringen. War aber nichts zu machen. Sie bekam stattdessen, etwas enttäuscht, eine Portion wilden Waldhonig.

Bamboo Shots

Die Tour mit Collins endet bei Oliva Kishero, der Tochter von Daniel. Sie kommt direkt aus dem Stall und fragt, ob sie sich nicht ein sauberes T-Shirt anziehen soll, wegen dem Video-Interview. Ich verneine energisch, will die Leute nicht in Pose zeigen, sondern so wie sie leben. Genau so spricht sie dann ins Mikro und erzählt ihre Geschichte (Video siehe oben).

Ich fahre mit Collins wieder runter in die Ebene. Unterwegs werden wir von einer Schranke gestoppt. Sehr provisorisch ist ein krummer Baumstamm über zwei Astgabeln gelegt, ein paar Leute stehen herum und winken. Ich mache mir schon Sorgen, was da los sein könnte,  aber Collins reagiert nur genervt. Um sich etwas Geld zu verdienen, bessern Anwohner schlechte Stellen an den Straßen aus und markieren sie mit solchen Schranken. Man soll dann einen kleinen Obulus entrichten. Collins verweigert jede Spende. Ihm passiert das zigmal am Tag. Ich steige aus und mache ein paar Fotos.

Wir gehen in der Kaffeestadt Mbale im Imbiss etwas essen. Als wir fertig sind, kassiert Collins einen Strafzettel wegen Falschparken und schimpft wie ein Rohrspatz. Wir verabreden uns für den nächsten Morgen an einer Tankstelle in der Nähe des SALEM-Dorfes für den zweiten Tag meiner Recherche.

 

Dieser Abschnitt macht einen Zeitsprung.
Ein halbes Jahr später reise ich gezielt im November 2013 zur Kaffee-Ernte.
Daniel Namudoto ist 1935 geboren.

Daniel Namudoto ist 1935 geboren.

Mounting mit Daniel Namudoto

Jetzt, ein halbes Jahr später, werde ich dieselbe Strecke rauf auf den Berg nicht so komfortabel mit Allrad und Fahrer zurücklegen.

Es ist November 2013 und die Kaffee-Ernte ist in vollem Gange. Zufällig ist der greise aber quicklebendige Gründervater Daniel in der Kaffeefabrik und nimmt mich mit. „Mounting“, wie sie immer sagen, wenn es hoch auf den Berg geht.

Zuvor erlebe ich noch, wie er eine Ansprache im Büro hält und all die studierten Angestellten ehrfürchtig zuhören. Er ist sehr klein, drahtig und strahlt eine unglaubliche Energie aus. Dabei ist er ständig am Lachen.

Wir nehmen ein Boda (zu dritt mit Fahrer) und steuern den Matatu-Sammelplatz an. Das sind Kleinbusse meist japanischen Ursprugs, die eigentlich nur für 14 Personen zugelassen sind. Oft werden über 20 Leute transportiert. Ist der Fahrer Moslem sieht man das deutlich an allen möglichen Aufschriften. Einmal erlebte ich, wie während der Fahrt aus dem Radio eine längere muslimische Predigt erschallte. Niemand beschwerte sich. Der alltägliche Mischmasch aus Christen aller Couleur und Moslems funktioniert. Hoffentlich bleibt es dabei.

Überall wo Daniel auftaucht, gibt es ein großes Hallo. Wir quetschen uns ganz hinten auf die Bank. Nach einer knappen Stunde sind wir wieder in Kamu, es ist wieder Mittwoch und der Markt in vollem Gange. Aber es hat stark geregnet. Die Straßen sind derart verschlammt, dass der Bus keine Chance hat, sich durch Kamu zu schlängeln. Alle steigen aus, nur ich sitze noch drin und draußen ächzen zwanzig Mann, um das Fahrzeug um 180 Grad zu drehen, damit es wieder nach unten starten kann.

Jetzt sehe ich, was in Daniels Plastiktüte ist, die er neben seinem schicken Aktenköfferchen mit sich trägt: Gummistiefel. Unentbehrlich, um zu Fuß weiterzukommen. Ich hab glücklicherweise meine Bergstiefel an, bin aber ziemlich bepackt und los geht’s raus aus Kamu mit einiger Steigung bis zum Ort Kibanda.

Wir machen eine kleine Rast in Kibanda und essen etwas. Dort oben ist Buginyanya.

Wir machen eine kleine Rast in Kibanda und essen etwas. Dort oben über der Felswand liegt Buginyanya. Der kleine Herr mit Mütze ist Daniel Namudoto.

Unterwegs ereilt uns ein kräftiger Regenguss. Wir müssen uns für 20 Minuten unterstellen. Danach ist der Zustand der Straße nicht eben besser geworden. Ich bin schwer am schnauben und verfluche einige Dinge im Gepäck, die ich jetzt für überflüssig halte. Daniel erklärt mir: „Ja, du musst jeden Tag deine Schenkel trainieren, immer laufen …“

In Kibanda legt Daniel endlich eine Pause ein, wir gehen in eine Kneipe am Trading-Center und essen Matoke mit gestampften Bohnen und etwas Fleisch. Oben über der steilen Felswand vor uns liegt Buginyanya. Aber es sind immer noch einige Kilometer, weil sich die Straße in Serpentinen um den Berg herum hochschlängelt.

Die Kneipe erinnert an eine Westernstadt mit Vordach und hölzerner Terasse. Darauf unzählige Frauen, häufig mit Kindern, die frische Kaffeekirschen sortieren. Danach wird gleich von Hand mit einer kleinen Maschine „gepulpt“, also das Fruchtfleisch, die Pulpe, abgeschält. Die schleimigen Pergaminobohnen sammeln sich im Bottich und werden zum Fermentieren weggestellt. Es ist das erste Mal, dass ich sowas sehe. Sofort wird gefilmt und alles fotografiert.

Auch mit dem Motorrad wird es schwierig, wenn alles verschlammt ist.

Auch mit dem Motorrad wird es schwierig, wenn alles verschlammt ist.

Um weiterzukommen, sucht Daniel zwei besonders kräftige Bodas aus und los geht’s. Aber wir kommen auch damit nicht weit. Es ist eine fürchterliche Gurkerei. Wir steigen ab und gehen doch wieder zu Fuß. Jeder Schritt quietscht im Schlamm, ständig rutscht man zurück.

Völlig erschöpft kommen wir an die Straßenbiegung am Eingang von Buginyanya. Rechts ab ein kurzer Weg führt direkt zur Farm seiner Tochter Oliva. Die ist schwer beschäftigt. Wahrscheinlich kam ihr auch der Regen in die Quere. Trotzdem werde ich als Gast erstmal versorgt, darf mit meinen Schlammstiefeln in die gute Stube und bekomme eine Thermoskanne Tee.

Daniel stapft unverdrossen weiter und holt den Farmer, bei dem ich heute unterkommen soll. Es dauert noch über eine Stunde, bis die beiden dann erscheinen. Mittlerweile ist es gegen sechs Uhr. Die Dämmerung bricht schon herein. Wir waren über acht Stunden unterwegs.

Dass es zu dieser Zeit nachmittags noch solche Regengüsse gibt, liegt am Klimawandel. Während der Kaffee-Ernte war früher besseres Wetter. Vor allem, um den geschälten, fermentierten und dann gewaschenen Kaffee auch trocknen zu können, braucht man verlässlich Sonnenschein. Das wird mir in den nächsten Tagen hier oben deutlich vor Augen geführt.

Gibson freut sich über seinen Kaffee, der jetzt aber noch trocken werden muß.

Gibson freut sich über seinen Kaffee, der jetzt aber noch trocken werden muss.

Aber erstmal ist jetzt Gibson da und bringt mich zu sich nach Hause, wo seine Frau Mary schon auf uns wartet. Wir gehen noch gut 20 Minuten zu Fuß, zuletzt etwas bergab bis zu seinem Haus. Auch hier oben auf 2.000 Meter Höhe ist wieder eine Terrasse am Berg wie in Kamu, ein gut Teil der Farmer hat es also einfacher mit dem Hausbau und der Trockenfläche davor.

Angekommen, sehe ich seine Frau zunächst nicht, man hört sie nur in der Küche werkeln. Nach der ausführlichen Begrüßung und dass er „stolz ist, mich als Gast beherbergen zu dürfen“, taucht die Frau Mary mit einem Tablett auf und begrüßt mich, indem sie vor mir niederkniet und mir bei gesenktem Kopf die Hand reicht. Ich bin verwirrt – hatte ich nicht von der durchgreifenden Genderarbeit bei GUMUTINDO gelesen, und jetzt sowas?

Gibsons Frau Mary

Mary ist sogar in der Leitung der Gruppe Buginyanya. Zwei Jahre später werde ich sie wiedersehen und sie hat dann ein völlig verändertes Auftreten. Die Zusammenarbeit mit Oliva Kishero in der Leitung hat sie gestärkt. Wir begrüßen uns mittlerweile mit Handschlag und sie hält sich nicht künstlich zurück, wenn ihr Mann mit mir redet. Mir scheint auch, ihre Frisur und Kleidung ist etwas schicker geworden. Die Entwicklung der Frauenrechte hat in Europa auch nicht an einem Tag stattgefunden. Inzwischen bin ich bei der vorschnellen Einordnung bestimmter Beobachtungen etwas vorsichtiger geworden.

Nach dem Essen und einer knappen Wäsche im Plastikzuber unter freiem Himmel falle ich wie ein Stein ins Bett.

Kaffee-Ernte und viel Arbeit danach

Kaffee-Ernte Kirsche für Kirsche

Kaffee-Ernte Kirsche für Kirsche

Am Morgen gibt es ein Frühstück mit Kaffee und viel Milch, eine süße Banane und frisch geröstete warme Erdnüsse. Dann geht’s zur Kaffee-Ernte. Ihr Sohn Dan nimmt mich mit zu einer Gruppe, die mitten im Gelände unter Matoke-Bäumen bereits pflückt. Die Kaffeebäume haben erstaunlich wenig Blätter, tragen aber reichlich Früchte und müssen deshalb teils mit Stangen abgestützt werden. Maximal ein Viertel kann aktuell geeerntet werden, weil der Rest noch völlig grün ist oder erst langsam orangerote Färbung annimmt. Die knallroten reifen Früchte hängen mitten zwischen den unreifen. Mir wird klar, was Handernte bedeutet: Jede Kirsche wird sorgsam einzeln vom Zweig gepflückt – die grünen sind die Ernte in einem oder zwei Monaten, sie dürfen nicht beschädigt werden. Die Zweige sind extrem flexibel. Höhere Zweige werden zur bequemeren Arbeit einfach nach unten gebogen.

Die Zweige sind extrem flexibel und werden zur Ernte nach unten gebogen.

Die Zweige sind extrem flexibel und werden zur Ernte nach unten gebogen.

Das Gelände ist abschüssig und der Boden vom vielen Regen aufgeweicht. Sofort hat man einen riesigen Klumpen der roten afrikanischen Erde am Fuß hängen. Ein unbedachter, schneller Schritt und man rutscht aus. Die Gruppe von 8 Leuten arbeitet zusammen jeweils an zwei Bäumen und alle unterhalten sich lebhaft. Der filmende und fotografierende Gast ist nicht selten Thema, wie ich an den Blicken zu mir erkenne.

Wir  ernten einige Eimer voll und machen uns auf zur Schälmaschine. Schält man den Kaffee nicht sofort, kann er Schaden nehmen. Schon einen Tag Lagerung sieht man nach dem Schälen an der dunkleren Farbe der Bohnen.

Die Kirschen werden zuerst in einen Plastikzuber gekippt, halbvoll und dann viel Wasser darüber gegossen. Sofort kommen dutzende Kirschen nach oben, weil sie leichter als Wasser sind. Sie werden sorgfältig abgeschöpft, weil sie irgendeinen Defekt haben müssen. Das nennt man „Flooding“ (Wässern) und die schlechten Kirschen heißen „Flooders“. Ich denke natürlich sofort an die gleichnamige Fernsehserie, die meine afrikanischen Freunde aber nicht kennen.

Schälmaschine (Pulper), hinten das Fruchtfleisch, vorne die Pergamino-Bohnen

Schälmaschine (Pulper), hinten das Fruchtfleisch, vorne die Pergamino-Bohnen

Die kleinen Handschälmaschinen haben einen Trichter, in dem sich am Boden die gerippte Walze dreht, angetrieben vom Handrad. Die Rippen lassen nur Raum für die Bohne, das Fruchtfleisch wird abgequetscht und landet hinter der Maschine. Vorne kommt teils auch etwas Pulpe mit raus, das muss später schnell aussortiert werden. Über dem Bottich an der Vorderseite liegt ein Blech mit Dutzenden Öffnungen, die gerade eben eine Bohne durchlassen. Damit wird restliches Fruchtfleisch noch abgestreift, wenn man die Bohne durchdrückt. Meist wechselt man sich dabei ab: Einer dreht die anstrengende Kurbel, der andere quetscht die Bohnen durchs Blech. Nach 10 Minuten ist Ablösung.

Geöffnete Kaffee-Kirsche mit den zwei schleimigen Bohnen. Die Rohkaffee-Bohne ist noch in einer Pergaminhülle, die später in der Fabrik abgeschält wird.

Geöffnete Kaffee-Kirsche mit den zwei schleimigen Bohnen. Die Rohkaffee-Bohne ist noch in einer Pergaminhülle, die später in der Fabrik abgeschält wird.

Das Fruchtfleisch hinterlässt eine schnell faulende und gärende Schleimschicht auf der Bohne. Wenn wir eine normale Kirsche essen, bemerken wir auf dem Kirschkern auch so einen glitschigen Rückstand, nur ist der beim Kaffee viel dicker und zäher.

In diesem Zustand kann der Kaffee nocht nicht getrocknet werden. Er wird erstmal zwei Tage weggestellt, damit die Schleimschicht kontrolliert etwas angären kann. Nach dem Gären hat sich die „mucilage“, wie es auf englisch heißt, soweit zersetzt, dass es fürchterlich anfängt zu stinken.

Der Bottich mit den schleimigen Pergaminobohnen wird zwei Tage weggestellt und kann gären (Fermentation). Dann löst sich die Schleimschicht und kann abgewaschen werden.

Der Bottich mit den schleimigen Pergaminobohnen wird zwei Tage weggestellt und kann gären (Fermentation). Dann löst sich die Schleimschicht und kann abgewaschen werden.

Geht man mit der Hand in diesen zähen Brei hinein, fühlt es sich an wie dick angerührter Tapetenleim. Danach erst kann der Kaffee mit viel Wasser und Rubbeln gewaschen werden.

Dieses Wasser ist natürlich organisch belastet und sollte nicht in die Flüsse und Bäche gelangen. Die Farmer nutzen es als Dünger, der direkt an die umliegenden Bäume gekippt wird.

Das ist Teil des organischen Anbaus, für den die GUMUTINDO-Farmer ein Zertifikat haben. Auch die Fruchtschale (Pulpe) wird als Dünger auf die Kaffeebäume verteilt.

Die schnell verwesenden Kaffeeschalen als Dünger an den Kaffeebäumen

Die schnell verwesenden Kaffeeschalen als Dünger an den Kaffeebäumen

Nach dieser Prozedur haben wir aber immer noch nicht die röstfertige Kaffeebohne vor uns. Die grüne Bohne sitzt nämlich in einer sogenannten Pergaminhülle. Deshalb bezeichnet man Kaffee in diesem Stadium der Aufbereitung als „Pergamino“. Äußerlich sieht jetzt alles nach einer großen Ladung Erdnüsse aus – auch der Farbe nach. Entfernt man kurz nach dem Waschen die Pergaminhülle, erscheint die später grüne Bohne zunächst knallweiß weil sie erst getrocknet ihre charakteristische Farbe bekommt.

Der „Pergamino“ wird jetzt auf Trockengestelle mit Siebboden ausgebracht und ganz flach verteilt, damit er gut belüftet ist und der Wind und die Sonne ihre Arbeit verrichten können. Nachts kommen die Gestelle in’s Haus. Sie müssen bei Regen aber auch tagsüber schnell in Sicherheit gebracht werden, denn das führt zu Schimmel und allgemein zu minderer Qualität.

Das ist zunehmend ein Problem. Früher war während der Erntezeit stabileres und berechenbareres Wetter. Höchstens am Vormittag gab es einen kleinen Schauer. Das hat der Klimawandel gründlich durcheinander gebracht. Ich habe erlebt, wie die Gestelle mehrfach am Tag hin und her geschleppt werden mussten. Das behindert natürlich auch die übrige landwirtschaftliche Arbeit. Man darf sich nicht weit vom Haus entfernen, muss immer auf dem Sprung sein, die wertvollen Bohnen nicht erneut nass werden zu lassen. Kaum sind die Gestelle bestückt, wird weiter sortiert. Manche Pergaminhülle ist beschädigt, Bruchbohnen, Schädlingsbefall und Reste des Fruchtfleisches müssen herausgelesen werden. 500 Meter weiter unten am Berg, wo das Klima sich schon stärker verändert hat, brauchen sie statt zwei Wochen bis zu einem Monat für den Trockenprozess.

Wenn dann der nächste Erntedurchgang ansteht und sofort geschält werden muss, gibt es häufig einen Engpass bei den Trockengestellen. Der halbtrockene Kaffee wird in Säcke gefüllt, im Haus gelagert und später auf Planen wieder ausgebreitet. Der zunächst qualitativ hochwertige Kaffee kann so im Lauf der Aufbereitung Schaden nehmen und reife Kirschen vertrocknen am Baum, weil man weiß, dass die mögliche Menge gar nicht verarbeitet werden kann. Alles drastisch verschärft durch den Klimawandel: mehr Arbeit, weniger Ertrag und schlechtere Qualität.

Als mir das alles nach drei Tagen oben am Berg bei meinen Gastfamilien von Gibson und Mary und später bei Francis klar wurde, bekam ich einen großen Respekt vor jeder einzelnen Kaffeebohne, die ich zuhause in meinen Vollautomaten schütte. In jeder Kirsche sind zwei Bohnen. Deshalb die flache Seite. Man nehme zwei geröstete Bohnen, halte sie gegeneinander und stelle sich vor: Irgendjemand da im Globalen Süden hat sie bereits auch einzeln zwischen den Fingern gehabt. Bei der Ernte. Und danach beim Verlesen und Sortieren nochmal gewendet, angeschaut, für gut befunden und auf ihre lange Reise über die Kaffeefabrik im Tal bis nach Europa geschickt.

Und hier in Deutschland wird dann Kaffee als Sonderangebot besonders billig angeboten, weil das als probates Lockvogelschnäppchen gilt, damit die Kunden nicht zum konkurrierenden Discounter gehen.

RÖSTER  Reisereportage zu den Kaffee-Farmer:innen am Mount Elgon
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